Wenn der Karriere-Coach zum Fotoregisseur wird
Das Drama nimmt seinen Lauf …
Neulich saß ich mit ein paar Fotografenkollegen bei einer freundlichen Bierrunde zusammen. Wie immer wurde gequatscht, gelacht, gelästert – und irgendwann landeten wir wieder beim Dauerbrenner: Karrierecoaches und ihre Fototipps.
Und was soll ich sagen: Der Frust sitzt tief.
Denn was wir da regelmäßig von Kundinnen und Kunden zu hören bekommen – was ihnen vorgeschrieben wird – ist nicht mehr normal. Da gibt’s Listen, wie ein perfektes Businessfoto auszusehen hat. Und wir Fotografen sollen das bitte 1:1 umsetzen.
Ganz egal, wie die Person aussieht. Ganz egal, wofür das Bild eigentlich gedacht ist.
Hauptsache, es passt ins Schema F-01/R.
Der Auslöser: Eine echte Anfrage
Was mich zu diesem Text hier gebracht hat, war eine ganz reale Anfrage für ein Business-Porträt. Hier ein Auszug:
„Ich habe von meinem Arbeitscoach gewisse Anweisungen erhalten, die ich mit Ihnen vor dem Shooting durchgehen würde. Hier eine kurze Zusammenfassung:
- Bild im Querformat und Farbe
- Freundlicher Gesichtsausdruck / Lächeln, Arme locker an den Seiten, gerade zur Kamera gerichtet sein; keine schräge Kopfhaltung und Körperhaltung
- Ansprechende Location, Arbeit mit Unschärfe im Hintergrund. Am besten ein unscharfes Büro im Hintergrund haben oder einfügen lassen.“
Als ich das gelesen habe, dachte ich: Okay, das war’s. Jetzt reicht’s. Ich muss das mal loswerden.
Und vielleicht ist das ja auch ein guter Hinweis für alle, die Businessfotos brauchen – aber gar nicht wissen, wie so ein Shooting abläuft, oder was ein guter Fotograf überhaupt macht.
Realität vs. Karrierecoach-Illusion
Karrierecoaches sind keine Fotografen. Sie haben keine Ahnung von Licht, Proportionen, Perspektive. Aber sie tun oft so, als hätten sie den heiligen Gral gefunden. Sie sehen ihre Kunden nicht als Menschen mit Individualität, sondern als „Optimierungsprojekt“.
Und: Sie verunsichern ihre Klientinnen und Klienten. Statt sie zu unterstützen, bringen sie sie mit festen Vorgaben ins Studio – und die sind oft das Gegenteil von dem, was für die jeweilige Person funktioniert.
Greatest Hits der Karriere-Coach-Fotoanleitungen:
- Lächeln, aber nicht zu viel. Zähne zeigen, aber dezent.
- Augen offen, aber nicht zu weit. Kein Zwinkern. Kein Stirnrunzeln.
- Hände locker, aber bitte nicht sichtbar. Oder doch verschränken? Kommt auf den Coach an.
- Im 45°-Winkel stehen – das wirkt „dynamisch“. Oder lieber frontal. Oder seitlich. (Was denn jetzt?)
- Hintergrund: Am besten ein stylisches Büro mit IKEA-Regal, Schreibtischlampe und Topfpflanze.
- Kleidung: Sakko ist Pflicht. Auch bei 45 Grad im Schatten.
- Brille: Ja oder nein? Je nach Coach unterschiedlich.
- Business, aber nicht zu business.
- Locker, aber nicht zu locker.
- Das Foto soll „herzlich, professionell, dynamisch, nahbar, kompetent und sympathisch“ wirken – aber bloß nicht gestellt!
Was dabei verloren geht?
Der Mensch. Die Persönlichkeit. Die Individualität.
Statt zu schauen, „wer da eigentlich fotografiert wird“, arbeiten viele Coaches mit einer Schablone.
- Alle sollen gleich wirken.
- Gleich sympathisch.
- Gleich kompetent.
- Gleich austauschbar.
Möchten Sie das? Möchten Sie beliebig und austauschbar wirken?
Ich bin Fotograf. Kein Mal-nach-Zahlen-Mensch.
Als Fotograf mit über 30 Jahren Erfahrung kann ich dir eines sagen:
- Ein gutes Bild funktioniert nicht gegen eine Checkliste.
- Ich sehe sofort, wenn jemand nur „funktioniert“ auf dem Foto.
- Und ich sehe sofort, wenn jemand er selbst ist – das ist der Moment, den ich suche!
Ich hatte schon dutzende Kunden mit einem Zettel vom Karriere-Coach in der Hand. Und ich habe ihnen gezeigt, warum das, was empfohlen wurde, für sie nicht funktioniert.
Jedes Mal haben wir gemeinsam eine Lösung gefunden, die besser war.
Fotografie ist Handwerk – und Psychologie.
Hier ein paar echte No-Gos, die mir im Studio begegnet sind:
- Kräftiger Mann mit kurzen Armen, verschränkt, seitlich: Wirkt wie ein Elefant.
- Mensch mit Doppelkinn frontal mit Hartlicht von unten: Katastrophe.
- Weißes Hemd vor weißer Wand: Keine Konturen, keine Wirkung.
- Lockige Haare + Topfpflanze im Hintergrund: Haarige Explosion.
- Schlanke Person mit zu weitem Blazer im Profil: Wirkt wie ein Zelt.
- Brillenträger mit Frontalblitz: Weiße Balken in den Augen. (Danke für nichts.)
Ein guter Fotograf sieht das. Erkennt das. Und vermeidet das.
Und genau dafür buchen mich meine Kunden – für das Wissen, die Erfahrung, das Auge.
Und dann kommen die Location-Fantasien …
… wie z. B.:
„Bitte ein ansprechender Hintergrund. Am besten ein Büro, gerne mit Holzregal, einem IKEA-Schreibtisch, einer Stehlampe von LIDL und einem Sonnenuntergang durch die Fenster.“
:)
Ganz ehrlich?
Ich glaube, einige Coaches haben zu viele KI-Fotos oder Stock-Bilder gesehen .
Sie denken, jedes Bild entsteht in einer stylischen Kanzlei mit architektonischer Raumtiefe. Und dann fragt mich der Kunde: „Haben Sie so ein Büro bei sich im Studio?“ Äh … nein. Ich bin Fotograf, nicht Innenarchitekt mit 5 Showrooms.
Aber ja:
Wir können Hintergründe tauschen. Wir machen fotorealistische Fotomontagen, wenn nötig. Wir können on location fotografieren. Aber das ist mit Aufwand, Kosten und Zeit verbunden – und nicht in einem Bewerbungsfoto-Paket für 49 € enthalten, nicht mal in dem Paket für 179 €.
Mein Favorit aus dem „Traumjob-Katalog“:
Das Bild soll direkt auf den Wunschjob zugeschnitten sein – am besten mit Werkzeug oder Whiteboard im Hintergrund. Und wenn Sie sich als Feuerwehrmann bewerben, dann bitte mit Eimer Wasser – vor einem offenen Kamin.
Sorry, aber: Das ist nicht Karriere. Das ist Karneval.
Was du brauchst? Kein Karriere-Coach. Sondern einen Profi-Fotografen.
Wenn du Bewerbungsfotos in Fürth oder Nürnberg, Businessporträts, oder einfach ein gutes Bild mit echtem Ausdruck willst – dann komm zu einem Fotografen, der:
- dich sieht
- dich leitet
- dich ernst nimmt
- dich *echt* zeigt
- weiß, was wirkt
- weiß, wie du auf andere wirkst
Und ja: Auch Coaches können tolle Tipps geben – aber vielleicht nicht zum Thema Fotografie.
Und jetzt kommt noch KI ins Spiel.
Ausgerechnet in den letzten Wochen hatte ich wieder mehrere Kunden im Studio, die genau auf solche Tipps hereingefallen sind.
Sie hatten gehört oder gelesen: „Geh nicht zum Fotografen, mach einfach ein Handyfoto und lass die KI daraus ein Bewerbungsbild machen.“ Also haben sie es ausprobiert.
Mit kostenlosen Tools, mit irgendwelchen KI-Generatoren, mit Apps, die aus einem Selfie angeblich ein professionelles Businessfoto machen. Das Ergebnis sah auf den ersten Blick vielleicht irgendwie „glatt“ aus. Aber bei genauerem Hinsehen war es genau das, was man in der Praxis ständig sieht: zu geringe Auflösung, seltsame Haut, komische Übergänge, falsche Details, unnatürlicher Blick, manchmal sogar Fehler in Kleidung, Haaren oder Gesicht.
Und dann standen sie doch bei mir im Studio.
Nicht, weil sie KI grundsätzlich schlecht fanden. Sondern weil sie gemerkt haben: So richtig überzeugend war das Ergebnis nicht. Irgendetwas stimmte nicht. Es sah vielleicht nach Businessfoto aus – aber nicht wirklich nach ihnen.
Wenn der Karrierebildarchitekt übernimmt
Inzwischen gibt es noch eine neue Spielart: Nicht nur Karrierecoaches geben Fotoregie-Anweisungen, manche Personalberater empfehlen inzwischen gleich, den Fotografen komplett zu überspringen.
Handybild machen, KI drüberlaufen lassen – fertig ist angeblich das neue Bewerbungsfoto.
- Klingt praktisch.
- Spart Geld.
- Sieht auf LinkedIn vielleicht sogar erstmal modern aus.
Nur: Was passiert dann?
Menschen optimieren sich so lange, bis sie kaum noch wie sie selbst aussehen. Falten weg. Gesicht schmaler. Haut glatter. Haare voller. Kinnlinie stärker. Körper schlanker. Blick künstlich souverän.
Am Ende entsteht kein Bewerbungsfoto mehr, sondern eine hübsch gerechnete Wunschversion.
Ein gutes Businessporträt soll nicht jeden Makel brutal ausleuchten. Natürlich wird retuschiert. Natürlich wird optimiert. Natürlich darf ein Bild besser aussehen als ein schlecht beleuchtetes Handyfoto morgens um halb acht. Aber es soll immer noch der Mensch bleiben, der später im Vorstellungsgespräch sitzt.
Sonst wird aus „professionell“ ziemlich schnell: Fake mit Krawatte.
Und vielleicht kommt dann noch die nächste schöne Frage dazu: Muss so ein künstlich erzeugtes Bewerbungsfoto irgendwann nach EU-Recht sogar gekennzeichnet werden?
Mehr zu KI, Bildbearbeitung und der Frage, wo normale Optimierung aufhört und künstlich erzeugte Bilder anfangen, habe ich in einem eigenen Artikel aufgeschrieben.
Willkommen im Zukunftsbewerbungszirkus.
Manchmal frage ich mich, was als Nächstes kommt.
Es fehlt eigentlich nur noch, dass Karrierecoaches ihren Kundinnen und Kunden künftig gegen Aufpreis gleich die passenden KI-Bewerbungsfotos mitverkaufen.
- Paket S: 50 Bilder.
- Paket M: 100 Bilder.
- Paket Premium: 200 Bilder inklusive künstlich erzeugter Führungsstärke, optimierter Kinnlinie und 15 % mehr Karrierepotenzial.
Der Coach wird dann nebenbei noch zum „Bewerbungsbild-Berater“, „KI-Headshot-Experten“ oder vielleicht gleich zum „Karrierebildarchitekten“. Irgendeinen schicken LinkedIn-Titel findet sich bestimmt.
Die Frage ist nur:
- Geht es bei einem Bewerbungsfoto noch darum, einen Menschen professionell zu zeigen?
- Oder geht es inzwischen darum, eine möglichst perfekte digitale Version von ihm zu erzeugen?
Die Versuchung ist groß. Wer mit seinem Aussehen unzufrieden ist, macht sich etwas schlanker. Wer graue Haare hat, färbt sie weg. Falten verschwinden. Augen werden klarer. Das Gesicht symmetrischer.
Und am Ende bleibt dieser unangenehme Gedanke: Bewirbt sich hier noch der Mensch – oder bereits sein KI-Avatar?
In diesem Sinne:
Businessfotos sind keine Massenware.
Und keine Schablone.
Und sie sollen auch nicht jedem gefallen.
Sondern zu dir passen.Punkt.
Mit herzlichem Gruß
Martin
PS:
Du findest meine Business- und Bewerbungsfoto-Angebote
Studio in Fürth an der Stadtgrenze zu Nürnberg
Kunden aus Nürnberg & Erlangen willkommen


