Foto oben: Das Bild hat mein KI-Freund gebaut. Die Entscheidung, ob es etwas taugt, musste trotzdem ein Mensch treffen.
Alle können heute Bildbearbeitung. Zumindest denken das viele.
Früher war die Sache einfach.
Wer ein Foto bearbeiten wollte, brauchte spezielle Software, musste sich einarbeiten und meistens einige Stunden oder Tage investieren, bis überhaupt etwas Brauchbares herauskam.
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Gehversuche Anfang der 90er mit Photoshop 3.0 und PhotoStyler. Damals war Bildbearbeitung noch kein fröhliches Herumprobieren mit zwanzig Ebenen, Verlauf, Protokoll und unbegrenztem Rückgängig.
- Jeder Handgriff musste sitzen.
- Jede Werkzeugbewegung wollte vorher überlegt sein.
Wenn etwas nicht passte, war nicht einfach ein Klick auf „Zurück“ die Rettung. Man musste wissen, was man tut – oder zumindest sehr schnell lernen, was man besser nicht noch einmal tut.
Heute reicht ein Smartphone.
Ein Klick auf „Verbessern“, „Entfernen“, „Retuschieren“ oder „KI-Reparatur“ – und plötzlich fühlt sich jeder wie Bildbearbeiter, Designer und Fotograf in Personalunion.
Ehrlich gesagt: Das ist auch kein Wunder. Die Ergebnisse sind teilweise beeindruckend. Ein störender Mülleimer verschwindet. Ein Himmel wird ausgetauscht. Haut wird geglättet. Menschen werden entfernt. Alte Fotos werden repariert.
Das Problem beginnt erst dann, wenn viele glauben, das Werkzeug sei das Können.
In den letzten Wochen hatte ich mehrere Anfragen von Kunden, die bereits selbst versucht hatten, ihre Bilder mit KI zu bearbeiten. Das erkennt man inzwischen erstaunlich schnell.
Ein Satz taucht dabei immer häufiger auf: „Das Bild darf aber nicht kleiner werden.“
Sobald dieser Satz fällt, weiß ich meistens schon, was passiert ist.
Das Foto wurde durch irgendeinen kostenlosen KI-Dienst geschickt, das Ergebnis sah auf den ersten Blick gar nicht schlecht aus, aber plötzlich hatte das Bild nur noch einen Bruchteil der ursprünglichen Auflösung.
Die Retusche war vielleicht gelungen. Die Bildgröße leider nicht :)
Und genau an dieser Stelle zeigt sich oft der Unterschied zwischen einem Werkzeug und dem Wissen, wie man es sinnvoll einsetzt.
Besonders interessant war kürzlich eine Anfrage, in der ausdrücklich stand: „ …das Foto darf keine KI-Artefakte haben und keine sichtbare Bildbearbeitung enthalten …“ Im gleichen Atemzug sollte das Gesicht schlanker gemacht werden und eine Beauty-Retusche erhalten.
Da musste ich kurz schmunzeln.
- Denn ein Gesicht schlanker machen ist Bildbearbeitung.
- Eine Beauty-Retusche ist Bildbearbeitung.
Der Wunsch lautet also eigentlich: „Bitte bearbeiten Sie das Bild. Aber man soll nicht sehen, dass es bearbeitet wurde.“ Und genau das ist seit Jahrzehnten die eigentliche Aufgabe guter Retusche.
Die beste Bildbearbeitung ist oft die, die niemand bemerkt.
Nicht jede Bearbeitung muss sichtbar sein. Häufig ist sogar das Gegenteil das Ziel.
Noch deutlicher wird das bei alten Fotos.
Vor einiger Zeit restaurierte ich ein altes, stark beschädigtes Foto aus der Zeit um 1900.
Kratzer entfernen, Schäden reparieren, Kontraste verbessern – alles ganz normal. Wichtig war dabei aber etwas anderes: Das Bild sollte weiterhin wie ein altes Foto aussehen.
- Mit seinem Alter.
- Mit seiner Geschichte.
- Mit seinem Charakter.
Als ich mit meiner Restaurierung fertig war, habe ich dieselbe Aufnahme aus Neugier später noch durch eine moderne KI geschickt. Das Ergebnis war technisch beeindruckend. Fast schon faszinierend.
Aber genau da begann das Problem.
Plötzlich sah das Gebäude aus, als wäre es gestern fotografiert worden.
Der gesamte Charme des Originals war verschwunden.
Das Foto war nicht restauriert worden.
Es war ersetzt worden.
Und genau dort liegt ein Unterschied, den viele Programme bis heute nicht verstehen: Bei einer Restaurierung geht es nicht darum, aus einem historischen Bild ein modernes Bild zu machen. Es geht darum, das ursprüngliche Bild zu bewahren.
Vier Bilder, ein kleiner Unterschied: Reparatur ist nicht Neuerfindung
Hier sieht man den Unterschied ziemlich deutlich. Die KI macht aus der Vorlage ein neues Bild, das technisch erst einmal nett aussieht. Die eigentliche Restaurierung bleibt dagegen näher am Original, erhält den Charakter des alten Fotos und bereitet es so vor, dass es im gewünschten Format gedruckt werden kann.
Foto 1: Technisch beeindruckend. Aber mit Restaurierung hat das nur noch sehr wenig zu tun.
Foto 2: So kam das Bild zuerst an. Für eine erste Einschätzung reicht das oft. Wenn es richtig gut werden soll, ist das Originalfoto im Studio aber die bessere Grundlage – dann können wir es mit unserer eigenen Repro- und Digitalisierungstechnik erfassen.
Foto 3: Ein Scan mit der richtigen Auflösung für das spätere Endformat. Genau solche Vorlagen machen bei einer Restaurierung oft den Unterschied.
Foto 4: Restauriert, nicht neu erfunden. Genau darum geht es bei alten Fotos. Das kleine Originalbild im Format 12 × 15 cm wurde auf 30 × 45 cm vergrößert und an das Format der bereits vorhandenen Bilderrahmen der Kundin angepasst – inklusive passendem Beschnitt. Mach das mal mit KI. Ich bin gespannt, wie viel Auflösung dabei übrig bleibt.
Bildbearbeitung-Werkzeuge werden immer besser.
KI wird immer besser. Daran besteht kein Zweifel.
Trotzdem bleibt eine Frage bestehen:
Nur weil ein Programm etwas machen kann – sollte man es auch machen?
Ein guter Fotograf, Retuscheur oder Restaurator entscheidet nicht nur, was möglich ist. Sondern auch, was besser unangetastet bleibt. Und genau diese Entscheidung lässt sich bis heute erstaunlich schlecht automatisieren.
Und dann kommt noch die Kennzeichnungspflicht
Bei derselben Anfrage stand noch ein weiterer Satz, der mich hängen ließ:
„Da das Bild für eine Buchveröffentlichung vorgesehen ist, ist mir außerdem wichtig, dass die Bearbeitung professionell und fotografisch erfolgt. Der Verlag prüft die Bildqualität sehr genau, und es sollten keine auffälligen KI-Artefakte oder sonstige Bearbeitungsspuren erkennbar sein.“
Aha.
Inzwischen werden Bilder also geprüft.
Das kann ich grundsätzlich sogar verstehen. Kein Verlag möchte matschige KI-Hände, verschobene Gesichter, seltsame Hautstrukturen oder andere digitale Überraschungen in einem gedruckten Buch haben.
Aber dann beginnt schon die nächste Frage:
- Wer prüft das?
- Ein Mensch mit Erfahrung?
- Ein automatisches Programm?
- Ein Tool, das angeblich KI-Bilder oder Deepfakes erkennt?
Bekanntermaßen sind solche Programme nicht zu 100 Prozent treffsicher. Und inzwischen gibt es natürlich auch schon Werkzeuge, die genau solche Hinweise wieder entfernen sollen. Technik gegen Technik. Erst wird markiert, dann wird entmarkiert, dann wird geprüft, dann wird die Prüfung umgangen.
Und irgendwo dazwischen soll der normale Fotograf erklären, ob sein retuschiertes Porträt jetzt ein KI-Fake ist.
Herrlich.
Und was passiert, wenn ein Bild überwiegend klassisch bearbeitet wurde, aber an einer einzigen kleinen Stelle ein KI-gestütztes Werkzeug zum Einsatz kam?
- Ein Staubfleck entfernt.
- Eine störende Kante ergänzt.
- Ein winziger Bereich mit generativem Füllen repariert.
- Ist das Bild dann plötzlich ein KI-Bild?
- Wird es technisch markiert?
- Wird es falsch eingeordnet?
- Wird es im schlimmsten Fall abgelehnt, obwohl die Bearbeitung fotografisch völlig in Ordnung ist?
Da wird es langsam absurd.
Denn moderne Bildbearbeitung besteht heute nicht mehr aus zwei klar getrennten Welten.
Hier klassische Retusche.
Dort böse KI.
So einfach ist es nicht.
In vielen professionellen Programmen stecken KI-gestützte Funktionen längst ganz selbstverständlich drin. Manche Werkzeuge gab es schon vorher in anderer Form. Heute heißen sie anders, arbeiten schneller oder werden zusätzlich protokolliert.
Am fertigen Bild lässt sich oft kaum erkennen, ob die Änderung mit einem klassischen Werkzeug, einer KI-Funktion oder irgendeinem Mischmasch aus beidem entstanden ist.
Und genau da fängt der Spaß an.
Bei Deepfakes verstehe ich den Gedanken sofort.
Wenn jemand eine reale Person in eine Szene setzt, die nie stattgefunden hat, oder Aussagen, Situationen und Ereignisse vortäuscht, dann muss klar sein, dass hier manipuliert wurde.
Drei Karrieren, die ich nie hatte
Aus einem normalen Porträt macht KI plötzlich einen Astronauten, einen Rennfahrer oder einen Chirurgen. Lustig ist das schon. Gleichzeitig zeigt es sehr deutlich, warum man zwischen normaler Bildbearbeitung und erfundener Realität unterscheiden muss. Ein besserer Hintergrund ist noch kein Deepfake – eine komplett neue Berufsrolle ist schon eine andere Hausnummer.
Foto 1: Das echte Ausgangsbild. Alles andere danach ist schon deutlich mehr Fantasie.
Foto 2: Martin war nicht im Weltall. Die KI war anderer Meinung.
Foto 3: Sieht nach Boxengasse aus. War aber eher ein Ausflug der KI-Fantasie. Ein paar Kilo hat die KI freundlicherweise auch gleich mitentsorgt.
Foto 4: Der Kittel ist KI. Die medizinische Karriere ebenfalls.
Aber was ist mit ganz normaler Bildbearbeitung?
- Wenn ich einen Mülleimer aus einem Bild entferne, ist das dann schon ein KI-Fake?
- Wenn ich einen Hintergrund austausche, obwohl das schon lange vor KI möglich war?
- Wenn ich ein Werkzeug verwende, das es früher ohne KI gab und heute zusätzlich als KI-Variante angeboten wird?
Das Ergebnis kann am Ende identisch sein. Nur der Weg dorthin ist ein anderer.
Fotografen, Bildbearbeiter und Werbegrafiker bewegen sich seit Jahrzehnten irgendwo zwischen Dokumentation, Gestaltung und Korrektur. Das war schon lange so, bevor überhaupt jemand das Wort künstliche Intelligenz benutzt hat.
Das Magazin DOCMA hat dazu kürzlich einen interessanten Beitrag veröffentlicht und den Vorschlag eines Digitalbild-Codex mit mehreren Stufen vorgestellt – von reiner Fotografie über KI-gestützte Nachbearbeitung bis hin zu vollständig generierten Bildern.
Genau diese Abstufung finde ich wichtig.
Denn zwischen einer leichten Kontrastkorrektur, einer KI-unterstützten Rauschreduzierung, einem entfernten Mülleimer, einem ausgetauschten Hintergrund und einem echten Deepfake liegen Welten. Fotografen und Bildbearbeiter bewegen sich nicht erst seit KI zwischen Dokumentation, Gestaltung und Interpretation. Neu ist nur, dass heute plötzlich jedes Werkzeug unter Verdacht steht, sobald irgendwo „KI“ daraufklebt.
Ein Foto ist nie völlig neutral.
Schon das Smartphone rechnet kräftig mit, bevor der Nutzer das Bild überhaupt sieht. Farben, Kontrast, Schärfe, Hauttöne, Rauschreduzierung – alles wird längst automatisch bearbeitet. Trotzdem nennt niemand jedes Smartphonefoto einen KI-Fake. Und genau deshalb wird es kompliziert.
Besonders interessant wird es bei Businessporträts.
Nehmen wir einen Handwerker, Selbstständigen oder Unternehmer.
Er ist hervorragend in seinem Beruf.
Seine Kunden sind zufrieden.
Seine Arbeit ist erstklassig.
Sein Büro oder seine Werkstatt sehen auf Fotos aber vielleicht nicht besonders ansprechend aus.
- Vielleicht wird gerade umgebaut.
- Vielleicht stehen Kartons herum.
- Vielleicht ist der Raum einfach nicht der Ort, an dem er fotografiert werden möchte.
Also entscheidet er sich bewusst für einen anderen Hintergrund.
- Ist das eine Bildmanipulation? Natürlich.
- Ist das ein Deepfake? Ganz sicher nicht.
- Der Mensch existiert wirklich.
- Sein Unternehmen existiert wirklich.
- Sein Beruf existiert wirklich.
Es wird keine Geschichte erfunden. Niemand legt ihm Worte in den Mund. Niemand behauptet, er sei plötzlich Astronaut, Chirurg oder Formel-1-Fahrer.
Es wurde lediglich entschieden, wie das Porträt aussehen soll.
Genau solche Entscheidungen treffen Fotografen seit Jahrzehnten.
- Mal wird im Studio fotografiert.
- Mal vor einer neutralen Wand.
- Mal in einem gemieteten Büro.
- Mal vor einer Kulisse.
- Mal wird der Hintergrund später ersetzt.
- Mal wird Störendes entfernt.
- Mal wird retuschiert.
Eine Beauty-Retusche ist ebenfalls keine neue Erfindung.
Menschen wollten schon immer kleine Änderungen an sich selbst.
Haut etwas ruhiger. Augenringe weniger deutlich. Gesicht etwas vorteilhafter. Kleidung glätten. Störendes entfernen. Man kann das mögen oder nicht. Ich selbst bin kein großer Fan von übertriebener Beauty-Retusche. Aber wenn ein Kunde genau das möchte und das Bild von ihm selbst handelt, dann ist es zunächst einmal eine gestalterische Entscheidung.
Und das war in der Fotografie schon immer so.
Deshalb sollte man meiner Meinung nach vorsichtig sein, jede Form der Bildbearbeitung automatisch in dieselbe Schublade wie Deepfakes, Desinformation oder Manipulationen mit betrügerischer Absicht zu stecken.
Zwischen einem politischen Deepfake und einem retuschierten Businessporträt liegen Welten.
Problematisch wird es dort, wo ein Bild bewusst etwas vortäuscht, was für andere Menschen relevant ist.
- Bei Nachrichtenbildern.
- Bei Beweismaterial.
- Bei politischen Inhalten.
- Bei Bildern, die eine reale Person in eine falsche Situation bringen.
- Bei Werbung, wenn ein Produkt anders dargestellt wird, als es tatsächlich ist.
Aber ein retuschiertes Businessfoto, ein repariertes Familienbild oder ein entfernter Mülleimer im Hintergrund?
Da sollte man schon sehr genau unterscheiden, bevor jedes bearbeitete Bild pauschal unter KI-Verdacht gestellt wird.
Zwischen einer erfundenen Nachricht und einem entfernten Mülleimer liegen Welten.
Zwischen einer gefälschten Realität und einer gestalteten Fotografie liegen ebenfalls Welten.
Diese Unterschiede sollte man nicht vergessen.
Sonst müssten wir irgendwann unter jedes Foto schreiben:
„Achtung, dieses Bild wurde mit Licht, Objektiv, Perspektive, Erfahrung, Software, Geschmack und gelegentlich auch Verstand bearbeitet.“
Und das wäre zwar ehrlich. Aber vielleicht auch ein kleines bisschen lang.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht jedes bearbeitete Bild ist ein Fake. Manchmal ist es einfach nur ein Bild, bei dem jemand wusste, was er tut.
In diesem Sinne,
Martin











